Haiku- und Senryū-Gedichte

Heute gilt Matsuo Bashō (1644-1694) als der erste große Haiku-Dichter.

Sein Frosch-Haiku ist wohl das berühmteste Haiku der Welt:

          古池や               furu ike ya                    Da, der alte Teich:
          蛙飛び込む       kawazu tobikomu       ein Frosch springt hinein -
          水の音               mizu no oto                  das Geräusch des Wassers.

               Vers 1: das Zeitlose – das stehende Wasser des Teichs,
               Vers 2: das Augenblickliche – die Bewegung des Frosches,
               Vers 3: das Festhalten des Augenblicks – das Geräusch des Wassers.

Matsuo Bashōs Schüler, Kikaku, fügte dem obigen Haiku eine 14-silbige Unterstrophe hinzu:

          葦の若葉に             Ashi no wakaba ni          An den jungen Blättern des Schilfs
          かかる蜘蛛の巣     kakaru kumo no su         ist ein Spinnennetz aufgehängt.

Weitere Gedichte:

Matsuo Bashō   松尾芭蕉:
         
          静かさや              Shizukasa ya           1. Stille -
          岩に染み入る      iwa ni shimiiru        3. die sich in den Fels bohrt.
          蝉の声                 semi no koe              2. und das Zirpen der Zikaden,

          „O, Ruhe und Stille! / Der Zikaden Stimme / Zirpt sich in den Fels hinein.“
                 (Ueberschar)
          „Stille...! / Tief bohrt sich in den Fels / das Zirpen der Zikaden.“ (Dombrady)
          „O der tiefen Ruh, / bis in die Felsen getränkt / mit Zikadenklang.“ (Wilhelm Gundert)
          „Stiller, heißer Tag. / Der Zikaden Zirpen dringt / durch das Felsgestein.“
                 (Coudenhove)

          いざさらば   雪見に転ぶ   ところまで!
          Iza saraba / yukimi ni korobu / tokoro made!
          Auf also zum Schneeschau, bis wir umfallen!

          雪見には   馬鹿と気の付く   ところまで!
          Yukimi ni wa / baka to ki no tsuku / tokoro made!
          Schneeschau – / bis wir nicht bemerken, / daß wir Doofe sind!

Kobayashi Issa (1763-1827)  小林一茶:

          痩せ蛙 負けるな 一茶これにあり
          Yasegaeru / makeru na, Issa / kore ni ari.          
          „Mageres Fröschlein, / laß dich nicht unterkriegen / Issa ist ja hier.“

          雀の子 そこのけそこのけ お馬が通る
          Suzume no ko / sokonoke sokonoke / ouma ga tooru.
          “Spatzenkindlein, / aus dem Weg da, / das Pferd geht vorbei.”

          我と来て 遊べや親の 無い雀
          Ware to kite / asobe ya oya no / nai suzume.
          “Komm doch her zu mir / laß uns zusammen spielen, / verwaistes Spätzlein!”

          かたつぶり そろそろ登れ 富士の山
          Katatsuburi / sorosoro nobore / Fuji no yama.
          “Kleines Schnecklein, / besteige hin ganz langsam / den Fuji-Berg!”

          前の世の 俺がいとこか かんこどり
          Mae no yo no / ore ga itoko ka / kankodori?
          “War ich nicht dein Vetter / in meinem früheren Leben, / Kuckuck?”

          草の葉に かくれんぼする 蛙かな (哉)
          Kusa no ha ni / kakurenbo suru / kaeru ka na.
          „Unter Grashalmen / verstecken spielen sie da, / die kleinen Fröschlein.“

          世の中は 地獄の上の 花見かな
          Yo no naka wa / jigoku no ue no / hanami kana?
          “Diese Welt – / ist sie nicht eine Blütenschau / über die Hölle?“

          追うな追うな追うな 子供よ 子持ち蚤
          Ou na ou na ou na / kodomo yo / komochi nomi!
          „Jagt sie nicht (3mal) / Kinder / die Flöhe, die Kinder haben!“

          長生きの 蝿や蚤蚊や 貧乏村
          Nagaiki no / hae ya nomi ka ya / binbō mura.
          “Langlebige Fliegen / Flöhe und Mücken / ein armes Dorf.“

          世の庵や 蚤の飛ぶ音 騒々しい
          Yo no io ya / nomi no tobu oto / sōzōshii.
          “Nächtliche Hütte – / es ist lärmend, wie / die Flöhe hüpfen.“

          留守にするぞ 恋して遊べ 庵の蝿
          Rusu ni suru zo / koi shite asobe / io no hae.
          “Ich gehe raus / liebt euch und spielt / Fliegen in der Hütte.“  

          いざ行かん 雪見の転ぶ 所まで
          Iza yukan / yukimi ni korobu / tokoro made!
          “Lass uns zur Schneeschau gehen, bis wir nicht hinunter rollen!”

          泣くな雁 どっこも同じ 浮世ぞや
          Naku na kari / dokko mo onaji / ukiyo zo ya.
          „Klagt nicht, Wildgänse! / Überall ist’s die gleiche – / vergänglich Welt.“

          つゆの世は   露の世ながら   然りながら
          Tsuyu no yo wa / tsuyu no yo nagara / sarinagara
          Vergängliche Welt, / tautropfengleich vergeht sie - / sei’s auch so, dennoch...

          ともかくも   あなたまかせの   年の暮れ
          Tomokakumo anata makase no toshi no kure
          Sei es, wie es sei, Dir vertraue ich mich an am Jahresende.

          美味そうな   雪やふうわり   ふうわりと
          Umasoona yuki ya fuuwari fuuwari to
          Der köstliche Schnee – leicht und sanft hinschwebend!

          めでたさも   中位也   おらが春
          Medetasa mo chuugurai nari ora ga haru
          Auch das Glück ist mittelmäßig – in meinem Frühlingsneujahr.

          月花や   四十九年の   無駄歩き
          Tsuki hana ya shijuukunen no muda aruki
          Mond und Blumen. Verschwendetes Herumlaufen in 49 Jahren.

Yamazaki Sōkan 山崎宋鑑 (1465-1553):

          年暮れて   人物くれぬ  今宵哉
          Toshi kurete hito mono kurenu koyoi ka na!
          Das Jahr ist zu Ende. – Oh, die heutige Nacht, in der niemand mir etwas gibt!

Takarai Kikaku 寶井其角 (1661-1707), Bashōs Schüler:

          初雪に   この小便は  何奴ぞ!
          Hatsuyuki ni kono shōben wa nani yatsu zo!
          Was für ein Kerl war es, der seine Pisse auf den ersten Schnee rinnen ließ?

          真っ直ぐな   小便穴や   門の雪
          Massuguna shooben-ana ya kado no yuki
          Schnurgerades Pissenloch – im Schnee am Tor

Hattori Ransetsu 服部嵐雪 (1654-1707), Bashōs Schüler:

          門の雪   臼と盥の   姿哉
          Kado no yuki usu to tarai no sugata ka na!
          Schnee am Tor – und die Szene des Mörsers und der Holzwanne!